Researcher & therapist

Infos

Zusammenfassung auf Deutsch — detaillierte Infos auf Englisch über das Menü oben rechts!

Inhaltsverzeichnis

Perspektive

 

Motive

Prozesse des Erlebens und Verhaltens, die es Menschen ermöglichen ihre Umwelt aktiv zu gestalten, stehen im Zentrum meiner Forschung. Die gestaltenden Prozesse, die mich besonders interessieren, haben die langfristige Befriedigung von psychologischen Bedürfnissen wie Autonomie, Bindung und Selbstwert sowie deren Schutz vor Verletzung zum Ziel. Ich bezeichne solche, das Erleben und Verhalten organisierende Prozesse als Motive. Mein in Forschung und Psychotherapie vertretenes Menschenbild hebt also hervor, dass Menschen motiviert auf ihre Umwelt einwirken — ‘Umwelteinfluss’ einmal umgekehrt!

Beziehungen als Umwelten

Der Teil der Umwelt, der für viele psychologische Bedürfnisse zentral ist und damit auch in meiner Forschung im Mittelpunkt steht, sind Beziehungen. Einerseits handelt es sich um interpersonelle Beziehungen, die ein Mensch durch motiviertes Erleben und Verhalten zu anderen Menschen formt, wie beispielweise Freundschaften, hierarchische Beziehungen am Arbeitsplatz, und auch TherapeutIn-PatientIn-Beziehungen. Andererseits geht es um intrapsychische Beziehungen, die ein Mensch mit sich selbst pflegt, wie beispielsweise Selbstliebe, Selbstkritik oder Selbsterforschung. Ich nehme eine ökologische Perspektive ein, in der Beziehungen als Umwelt-Nischen aufgefasst werden, in denen psychologische Bedürfnisse befriedigt aber auch verletzt werden. Eine Freundschaft stellt sich aus dieser Sicht als mutualistische Beziehung dar, in der beide jeweils das Bindungsbedürfnis des Anderen befriedigen. Diese motivationale, ökologische Betrachtungsweise der Dynamik von intrapsychischen und interpersonellen Beziehungen nenne ich Syntopie (engl. syntopics).

Psychische Störungen und deren psychologische Behandlung

Gibt der Linke wertvolle Ratschläge, die der Rechte dankend annimmt? Oder ist der Rechte davon genervt, dass der Linke Vorschriften macht, zeigt es aber nicht? Oder ist der Linke heimlich frustriert, dass der Rechte immer noch so unselbstständig ist und Anleitung braucht? Die syntopische Perspektive nimmt an, dass die Antwort auf diese Fragen von den Motiven des Betrachtenden abhängt.

Gibt der Linke wertvolle Ratschläge, die der Rechte dankend annimmt? Oder ist der Rechte davon genervt, dass der Linke Vorschriften macht, zeigt es aber nicht? Oder ist der Linke heimlich frustriert, dass der Rechte immer noch so unselbstständig ist und Anleitung braucht? Die syntopische Perspektive nimmt an, dass die Antwort auf diese Fragen von den Motiven des Betrachtenden abhängt.

In meiner Forschung wende ich die syntopische Perspektive auf das Verständnis psychischer Störungen und deren psychologischer Behandlung an. Dadurch erscheint beispielsweise eine Online-Plattform für Internet-basierte Selbsthilfe als Umwelt(-Nische), in der sich Teilnehmende mit dem Programm in Beziehung setzen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen aber auch vor Verletzung zu schützen, und nicht als psychologisch ‘neutrale’ Technik. Dies hilft nachzuvollziehen, dass die Möglichkeit der selbstbestimmten Festlegung der Reihenfolge von Selbsthilfe-Einheiten in einer Plattform für manche Menschen eine Bedürfnisverletzung darstellt — “Das Programm gibt sich keine Mühe sich zu überlegen, welche Reihenfolge für mich persönlich gut wäre!“ — und für andere Menschen eine Bedürfnisbefriedigung ist — “Ich kann frei entscheiden und muss nicht aufpassen, ob jemand versucht mir etwas vorzuschreiben!” (→ Forschungsprojekt). Psychische Probleme können aus syntopischer Perspektive beispielsweise entstehen, wenn die Aktivität eines Motivs wie z.B. Bindung die soziale Umwelt dagingehend gestaltet, dass ein anderen Motiv wie z.B. Autonomie bedroht wird und gegenreguliert (→ Forschungsprojekt, → Konferenzbeitrag).

Methoden der formalen Modellierung und Simulation

Neben Theorie und Empirie hat sich die Simulation als Werkzeug wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns etabliert. Formale Modellierung und Simulation erlaubt es zu überprüfen, ob die hypothetisierten zugrundeliegenden Mechanismen eines Phänomens auch tatsächlich in der Lage dazu sind, das Phänomen zu generieren. In der klinisch-psychologischen und Psychotherapie-Forschung werden Simulationen aktuell noch selten verwendet. Um die Erforschung der komplexen Dynamik von Motiven, Beziehungen, psychischen Störungen und Psychotherapie voranzutreiben, nutze ich formale Modelle und empirisch informierte Simulationen und versuche damit auch zur Entstehung einer computational clinical psychology beizutragen. Ganz nach dem Motto: Traue keiner Erklärung, die Du nicht simulieren kannst!

IntegRATIVE Psychotherapie

Eines der langfristigen Ziele meiner Forschung ist es, psychische Störungen, psychotherapeutische Interventionen und die Therapiebeziehung in einem gemeinsamen Bezugsrahmen beschreibbar zu machen. Ich bin überzeugt, dass theoretisches Wissen für das Erreichen dieses Ziels nicht ausreicht, sondern praktisches Erfahrungswissen ebenfalls notwendig ist. Damit für mich die Überschreitung der Grenzen zwischen den ‘Therapieschulen’ sowohl in praktischer als auch theoretischer Hinsicht immer selbstverständlicher wird, habe ich mir nach meiner Ausbildung in (kognitiver) Verhaltenstherapie kontinuierlich weitere Ansätze angeeignet, wie Emotions-fokussierte Therapie (EFT) nach Greenberg oder die Grundlagen der Analytischen Psychologie nach C. G. Jung. Dies hilft mir beispielsweise, ein ABC-Protokoll, einen Zwei-Stuhl-Dialog, eine Therapiebeziehung und Rollenspiel als therapeutische Gefäße zu formalisieren, in denen Motive Gelegenheit haben problematische Muster von Erleben und Verhalten herzustellen (Problemaktualisierung), sodass diese reflektiert werden können (motivationale Klärung) und sich verändern können (Problembewältigung). Ob eine Regularität im Erleben und Verhalten von PatientInnen dann ‘selbstkritischer automatischer Gedanke’ (KVT), ‘selbstbewertende Spaltung’ (EFT), ‘strafender Elternmodus’ (Schematherapie) oder ‘Komplex‘ (Jung) genannt wird, und ob das Gefäß als ‘Protokoll’, ‘Stuhldialog’ oder ‘alchemistischer Ofen’ bezeichnet wird, ist für mich von nachrangiger Bedeutung.

Einflüsse

Wesentliche Einflüsse, die meine wissenschaftliche Herangehensweise prägen, sind:

  • Franz Caspar mit der instrumentellen Perspektive psychischen Funktionierens, der Plananalyse und der motivorientierten Beziehungsgestaltung, sowie Klaus Grawe mit der Konsistenztheorie

  • Tania Lincoln durch ihre konsequente enge Verzahnung von Experimenteller Psychopathologie und Interventionsforschung sowie ihrem Mut, vor neuen und steinigen Wegen nicht zurückzuschrecken

  • Die Emotions-fokussierte Therapie von Leslie Greenberg, die mir geholfen hat den Prozesscharakter von psychischen Problemen im Hier und Jetzt zu erkennen

  • Die kognitive Verhaltenstherapie, mit ihrem wissenschaftlichen Anspruch, ihrem zielgerichteten, pragmatischen Vorgehen und dem transparenten, Selbstwirksamkeit-förderndem Vorgehen

  • Sven Banisch mit seiner Freude an formaler Modellierung und interdisziplinärer Zusammenarbeit

 

Projekte

 
orientierung_.jpg

Formale
Motiv-Modelle

distance-rejection.jpg

Menschen sind motiviert ihre Bedürfnisse in Interaktion mit der Umwelt zu befriedigen und vor Verletzung zu schützen. Interpersonelle Beziehungen sind ein essentieller Teil der für Bedürfnisse wie Autonomie und Bindung relevanten Umwelt und können als Nischen aufgefasst werden, in denen sich das Erleben und Verhalten der Interaktionspartner einer Dyade von Moment zu Moment entfaltet. Aus dieser syntopischen Perspektive (‚syn-‘: gemeinsam; ‚topos‘: Ort) kann z.B. eine Psychotherapie-Beziehung als Umwelt verstanden werden, die für PatientInnen sowohl Bindungs-befriedigende als auch Autonomie-bedrohende Erfahrungen birgt. Das Projekt nutzt die syntopische Perspektive mit dem Ziel, ein formales Modell der komplexen motivationalen Dynamik interpersoneller Beziehungen zu entwickeln. Da die psychologische Interpretierbarkeit beim Modellieren maßgeblich ist, ist stets eine intuitive, erfahrungsnahe, therapeutisch relevante Beschreibung der Dynamik möglich (z.B. „Person A ist fürsorglich und Person B ist abhängig“).

Personalisierte
Internet-basierte Selbsthilfe

Aus motivationaler Perspektive können Internet-basierte Selbsthilfe-Programme als Umwelt-Nischen aufgefasst werden, die Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse aufsuchen oder aber zum Schutz vor deren Verletzung vermeiden (Westermann, Moritz & Berger, 2017; Grawe, 1998). Die geringe Adhärenz bei Internet-basierter Selbsthilfe für Menschen mit Depression deutet darauf hin, dass die motivationale Passung von Selbsthilfeprogramm und vielen Teilnehmenden oft unzureichend ist. Bspw. kann eine festgelegte Abfolge von Einheiten als Fremdbestimmung erlebt werden und somit die Autonomie verletzen. Personalisierte, Motiv-orientierte Selbsthilfeangebote könnten Teilnehmenden, die sich mit einer Plattform und deren Inhalten in Beziehung setzen, mehr appetitive und weniger aversive Erfahrungen ermöglichen und auf diese Weise die Adhärenz erhöhen. In diesem Projekt wird die Hypothese getestet, dass eine bessere motivationale Person-Programm-Passung mit größerer Zufriedenheit und höherer antizipierter Adhärenz einhergeht.

 

Motiv-
Netzwerke

Gibt es Paare von Motiven wie z.B. Bindung und Autonomie, deren gleichzeitige Befriedigung im Alltag schwierig ist oder sich sogar ausschließt? In einer ‘experience sampling’-Studie wird dieser Frage unter Zuhilfenahme von sogenannten Netzwerkanalysen nachgegangen. Die idiographische – also Personen-spezifische – Erfassung von Motiv-Konflikten im Alltag könnte für die schulenübergreifende Psychotherapie-Prozessforschung und -Ergebnisforschung nützlich sein.

Psychologische Interventionen
für Menschen mit Schizophrenie

750w.png

Schizophrenie ist eine psychische Störung, die mit erheblichen persönlichen und gesellschaftlichen Belastungen einhergeht. Ungeachtet der Wirksamkeit von kognitiver Verhaltenstherapie bei Psychose (KVTp) ist die Verbreitung von KVTp im Gesundheitssystem unzureichend. Das Projekt untersucht erstmals, ob KVTp-Interventionen in einem Internet-basierten Selbsthilfeformat wirksam sind. Positive Befunde würden den Weg für eine niedrigschwellige Behandlungsoption für Patienten mit psychotischen Symptomen ebnen.

 

Über mich

 

Forschungsinteressen

  • Modellierung und Simulation in der klinischen Psychologie

  • Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen als motivationale

    Attraktoren (‘Syntopic dynamics’)

  • Personalisierte psychologische Behandlungen

  • Internet-basierte Interventionen

Akademische Qualifikationen

  • Privatdozent (Universität Bern, 2018)

  • Dr. rer. nat. (Philipps-Universität Marburg, 2011)

  • Psychologischer Psychotherapeut (Fachkunde: Verhaltenstherapie; 2013)

  • Diplom-Psychologe (Philipps-Universität Marburg, 2008)

Kooperationspartner

  • Prof. Dr. Steffen Moritz, Hamburg, Deutschland

  • Prof. Dr. Thomas Berger, Bern, Schweiz

  • Dr. Sven Banisch, Leipzig, Deutschland

  • Dr. Aaron Fisher, Berkeley, USA

IMG_8065-5.jpg

Wander-Impressionen:

2018-09-29 17.17.35.jpg
2018-10-01 13.24.05.jpg